
Die 1100-jährige Linde in Upstedt
Wie stellt man sich die wahrscheinlich älteste erhaltene Linde Deutschlands vor, wenn man sie noch nie gesehen hat? Vielleicht als einen fünfzig Meter hohen Baum mit ausladender Krone, die hunderten von Vogelnestern Schutz bietet? Die Enttäuschung muss bei diesem Gedanken groß sein, wenn man derart voreingenommen auf die knappen neun Meter Baumhöhe zu geht.
<< (Foto: privat)
Die Enttäuschung weicht aber sofort bei dem Anblick des mächtigen Stammrumpfes, der heute in 1 m Höhe einen Umfang von 13,25 m hat, am Boden sind es 21,3 m, wenn man die kräftigen Wurzelrücken mit einbezieht. Aber fairer ist es, in 20 cm Höhe zu messen, wo sich seit der “Maß-Nahme” von Hartwig Goerss bis heute wenig verändert hat: mehr als 17 Meter. Diese Maße sind gewaltig.
Wir wissen, dass ein heftiger Sturm 1973 die bis dahin stattliche Krone hinfort gefegt hat. Man glaubte damals, der alte Wappenbaum des Ortes würde dies nicht überstehen. Aber Linden sind extrem regenerierfreudig, wie wir an anderer Stelle dieser Domain ausführlich behandelt haben.
(Foto 000803: archivberlin / Efferer, März 2003) >>
Die Neutriebe entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einer neuen, wenn auch ungleich kleineren Krone. Heute müsste man das “Krönchen” ganz anders beschreiben als noch 1981. Es handelt sich optisch eher um sogenannte Wassertriebe*(), die parallel aus vielen Stellen des alten Stumpfes um das Licht konkurrieren. Sie wachsen steil nach oben, während 1981 noch gleichmäßige Verzweigungen in allen Richtungen zu sehen waren.
Anmerkung:
Es handelt sich natürlich nicht wirklich um Wassertriebe, wie wir sie bei Obstbäumen kennen, sondern es ist nur eine Beschreibung der Optik.
Hartwig Goerss sei Dank, dass er für uns in der Chronik Upstedts interessante Details ausgegraben hat. Dort ist die Geschichte des Ortes recht gut festgehalten. Zitieren wir einmal aus seinem 1981 erschienenen Buch*():
*(Quelle: Hartwig Goerss: Unsere Baumveteranen, Landbuchverlag Hannover, 1981)
<< (Foto 000804: archivberlin / Efferer, März 2003)
“Wenn man der ältesten Überlieferung glauben darf, ist der Baum um 850 gepflanzt worden, er wurde damals ‘Marienlinde’ genannt. Upstedter Heiden ließen sich damals zum Christentum bekehren. Ganz sicher ist der Vorgang nicht, aber das in unmittelbarer Mähe stehende kleine Gotteshaus läßt den Schluß zu, dass es sich um eine Marienlinde handelt, die zur Einführung des Christentums gepflanzt und der Mutter Maria geweiht wurde.
Erst um das Jahr 1100 wird die Linde urkundlich erwähnt, da soll sie bereits 250 Jahre alt gewesen sein. In religiösem Brauchtum wuchs sie auf, später wurde sie Gerichtslinde. Nun versammelten sich unsere Vorfahren in regelmäßigen Abständen unter ihren Ästen und sprachen Recht. Mancher Forscher leitet den Namen Upstedt von dieser Gerichtsstätte ab, ‘Up de stee’, wo Recht sproken wurde.
Aber nicht nur Recht wurde unter der Linde gesprochen, der Platz unter ihr wurde zum allgemeinen Mittelpunkt des Dorfes, er wurde zum Thieplatz, die Linde wurde zur Thielinde. Irgendein Spaßvogel hat später der Linde den lautähnlichen Namen ‘Tillylinde’ aufgepfropft. Tilly, der Feldherr der katholischen Liga, hatte 1626 im nahen Städtchen Bockenem Quartier aufgeschlagen, nach Upstedt ist er jedoch nicht gekommen.
Wir können der Chronik in einem kleinen Punkt nicht beipflichten, aber das ist mehr eine Sache des Standpunktes und weniger der Ästhetik: Für uns ist der Baum nicht ‘nur noch ein Schatten seiner einstigen Schönheit’. Das Zeugnis aus sehr alter Zeit für sich strahlt Glanz ab und fordert Demuth ein. Die verschiedenen Fotos dieser Seite arbeiten doch deutlich den besonderen Flair heraus, den das fortwährende Wachstum, die andauernde Entwicklung mit all seinen Höhen und Tiefen hervorgebracht hat.
Der Baum ist schon lange hohl und sechs, sieben ausgewachsene Menschen haben bequem Platz darin, ohne sich auf die Zehen zu steigen. Sehen wir uns nur einmal diesen “Durchblick” an (07 und 08). Und das Detail, wie das Kambium die Holzschichten an den Wundrändern überwuchern lässt, und Holz und Borke sich im Laufe langer Zeit nach innen in die Hohlräume hineinarbeitet (10).
<< (Foto 000810: archivberlin / Efferer, März 2003)
Diese Linde gehört zweifellos zu jenen Veteranen, die ein Baumliebhaber auf jeden Fall gesehen haben sollte. Und manch einer wird nach gewisser Zeit zurückkehren. Aber selbst für "ungeübte Baumbesucher", welche die Nord-Süd-Route unserer Republik auf der A7 durcheilen, dürfte es ein Erlebnis sein, die Ausfahrt Bockenem in Richtung Upstedt zu benutzen ...