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Bei Thale:
Baumveteranen an der Rosstrappe

“Deutschlands gewaltigstes Felsental nördlich der Alpen” nannte Goethe einst diesen Platz, der mit seinen schroffen, steil abfallenden Felsen der “kalten Bode” ein sicheres Bett bietet. Heute spricht so manch einer vom "Grand Canyon Deutschlands". Das enge Felsentor bietet einiges an Kostbarkeiten. Jeder Fotograf kann sich glücklich schätzen, der solch phantastische Lichtverhältnisse vorfindet, wie auf diesen einmaligen Fotos, die an Gemälde alter Meister erinnern.

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Einer Sage nach soll an dieser Stelle im nördlichen Harz bei Thale Brunhilde auf ihrem Riesenross dem ihr nachstellenden Ritter Bodo entkommen sein - durch einen gewaltigen Sprung des Pferdes vom Hexentanzplatz bis auf den gegenüber liegenden Bergkamm, wo es im Felsen einen Hufabdruck hinterließ. Dieser vermeintliche Abdruck ist auch heute zu besichtigen. Jedem Besucher bietet sich hier oben ein atemberaubender Blick. Und wer die Sage kennt, stellt sich die Frage, ob das Pferd Flügel besessen haben kann. Der Ritter Bodo jedenfalls soll zu kurz gesprungen und in die Schlucht gestürzt sein, wo er noch heute in einen Hund verwandelt die verlorene Krone der Prinzessin Brunhilde bewachen soll.

Vielleicht bewacht er auch einige Bäume, die in dem verhältnismäßig engen Tal nur wenig Licht von der voüberziehenden Sonne erheischen können (von den nebeligen, regnerischen und trüben Tagen und den Wintermonaten einmal abgesehen). Mit anderen Worten: Wer hier als Baum sein Leben fristet, der hat wenig Wurzelraum in den Felsspalten und mit schlechten Lichtverhältnissen und Sturm und Gewitter mehr zu kämpfen als Gehölze in anderen Regionen.

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Von der Rosstrappe (das ist der sagenumwobene Landeplatz des Pferdes) führt ein steiler Weg abwärts, der jedem nicht gerade fußkranken Wanderer empfohlen werden kann. Wenn man auf diesem Wege über reichlich Geröll vergeblich nach dem verwandelten Hund Auschau hält, so wird man nach einigen Serpentinen rechts vom Wege nicht nur einen Ratsplatz mit zwei Bänken entdecken, sondern auch eine uralte Eiche, der so mancher Sturm immer wieder Teile der Krone geraubt hat. So kommt es denn, dass von der Krone eigentlich nur zwei Hauptachsen erhalten sind. Ein dritter entwickelt sich seit achtzig Jahren aus einem früheren Ast hinzu (an der linken Seite unten zu sehen).

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Die Achse rechts zeigt oben, dass auch hier ein Blitz oder der Sturm für den Abriss gesorgt hat, worauf hin einige Äste um die neuer Vorherrschaft des Saftflusses konkurrieren. Auch an der linken Hauptachse sind alte Bruchstellen vernarbt, an denen stets jüngere Äste die Hauptachse ersetzen mussten. Auf diese Weise trägt der alte Stamm eigentlich nur Fragmente einer Krone.

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<< Foto 000702: archivberlin / Efferer

Bei einem Größenvergleich lässt die Perspektive die sich nach dem Stamm reckende Person viel zu groß erscheinen. Der Stamm ist viel dicker, als er hier aussieht. Der Umfang des Baumes von guten sechs Metern lässt in Anbetracht der Standortbedingungen auf ein Alter von siebenhundert bis achthundert Jahren schließen.

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<< Foto 000701: archivberlin / Efferer

Wesentlich stärker betont dieses Foto links die Mächtigkeit dieser Eiche, denn aus dieser Perspektive stellt der Fotograf dem Baum links oben einen roten Farbtupfer rechts unten entgegen, der sich als Besucher in rotem Pullover auf einer Bank des Rastplatzes entpuppt. Hier stimmt der Größenvergleich und lässt zudem den atmberaubenden Blick in das Tal erahnen.

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Dieser Baumgreis ist nicht der einzige. Bereits einige Wegebiegungen weiter kommt man an mehreren Hühnen vorbei, die sich zum Teil abenteuerlich winden; ebenfalls Eichen, deren Alter schlecht zu schätzen ist. Aber so alt wie der "alte Buckel" weiter oben sind sie natürlich nicht.

Einen Steinwurf weiter (und das sollte man bitte in dieser Gegend nicht wörtlich nehmen, akute Steinschlaggefahr!) führt der Weg an einem Eibenpaar vorbei, an denen die meisten Besucher sicher achtlos vorüber gegangen sind, weil ihnen das geringe Dickenwachstum von Eiben unbekannt ist. Dieser Standort dürften ihnen inzwischen sehr knapp geschätzt 450 feine Jahresringe beschert haben.

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Besonders attraktiv sind die Wurzelansätze, mit denen sich das Pärchen in die Felsspalten krallt. Man sieht deutlich, dass es früher hier entweder Erde oder aber Gestein gegeben haben muss, das inzwischen verwittert und abgesprengt wurde. Denn so entwickeln sich Wurzeln nicht freiwillig am Licht. Vor allem die Eibe im Hintergrund steht inzwischen auf Stelzen und lässt zwischen den Wurzeln einen Durchblick frei.

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<< Foto 000754: archivberlin / Efferer)

Ein atemberaubender Blick in die Schlucht, der allein schon die Mühen des Weges lohnt.

Auch der Blick nach oben von der Hälfte des Abstieges ist nicht minder beeindruckend.

Unser Thema: Alte Bäume