
Die Ortslinde in Osterhagen
“Was ist denn so besonderes an dem Baum?” fragt der eine von den beiden Motorradfahrern. Sie stehen an der Straßeneinmündung mitten in Osterhagen, neben der ein beachtliches Stück Leben seine Arme in den Himmel reckt. Ich hatte mich gerade bemüht, eine Position für das Foto zu ergattern, von der aus die beiden Biker hinter dem mächtigen Stamm verschwinden, als einer der beiden zurückgerollt und diese für mich verblüffende Frage stellt.
Aber hat er nicht Recht? Mir passiert es doch immer wieder, dass Einheimische, die mit einer solchen Kostbarkeit täglich leben, diese selten zu schätzen wissen. Meine Antwort verbinde ich mit einer Frage:
“Nun, das Stück ist schon beachtlich alt. Wie alt schätzen Sie?”
Der Biker kratzt sich am Helm, eine Geste, die eigentlich seiner Stirn gilt, und sagt nach ein paar Denksekunden: “Na, hundertfünfzig Jahre könnten es schon sein.”
Foto 000401: archivberlin / Efferer, März 2003 >>
Er hört sich meine Antwort erstaunt an. Nein, das hätte er nicht gedacht, dass ein Baum, der in einem Meter Höhe einen Umfang von 7,65 m an das Bandmaß bringt, wahrscheinlich schon über 600 Jahre alt ist.
<< Foto 000403: archivberlin / Efferer, März 2003
Der alte Riese in der Abendsonne...
Foto 000405: archivberlin / Efferer, März 2003
Luftwurzeln, die diese Bezeichnung eigentlich zu Unrecht tragen.
Aber immerhin liegen sie heute an der frischen Luft ...
Der Umfang ist nicht einmal komplett, denn eine Seite ist weggefault, von der wir nicht wissen, welche Dimension sie einmal hatte. Im vertorfenden Innenteil des alten Stammes, der sich im Laufe der Zeit zu Humus umsetzt, bilden sich häufig Luftwurzeln. Dieser Ausdruck ist eigentlich falsch, da sich die Wurzel eben nicht an der Luft, sondern in einem vertorften Humusbett bilden, abgeschlossen gegen das Tageslicht - als würden sie in Erde wuchern. Erst später, wenn der Verrottungsprozess weiter geht und das alte Material ausgewaschen wird oder herunter bricht, liegen diese Wurzen frei, wie in dem nebenstehenden Foto so wunderbar zu sehen ist.
<< Foto 000402: archivberlin / Efferer, März 2003
Die Mächtigkeit des Stammes machen wir wieder durch eine mitreisende Person deutlich; nur so wird die Dimension im Bild erfahrbar. Die Triebe sind bei unserem Besuch im März gesund und kräftig, kein Befall zu erblicken. Die Linde hat Platz und Raum, ihr Standort ist von der Gemeinde eingezäunt und der Boden gibt genügend Luft, um sie noch doppelt so alt werden zu lassen. Bad Sachsa liegt am Südrand des Harzes, keine 20 km westlich Bad Sachsa an der B 243. Wer hier auf der Durchfahrt ist, sollte eine Rast einlegen und dieses gute Stück gerne einmal besuchen.
Foto 000404: archivberlin / Efferer, März 2003 >>
Die Rinde an dem rechten Stammteil scheint von einem Blitz abgeschält zu sein.
Der Stamm zeigt sich "offen", weil große Teile durch Fäulnis verschwunden sind.
Der erhaltene Rest macht aber einen sehr gesunden Eindruck.